der böhmische Dramatiker, Schauspieler, Prosaiker und Journalist, geboren am 4. 2. 1808 in Kuttenberg, gestorben am 11. 7. 1856 in Pilsen
Tyl war die ausdrucksvollste Persönlichkeit nicht nur böhmischen Theaterwesens, sondern auch Literatur in den 30. und 40. Jahren des 19. Jhrs. und damals stand er im Zentrum des nationalen und patriotischen Geschehens.
Seine Kindheit verbrachte er in Kuttenberg, wo sein Vater, der ausgediente Militärmusiker, das Schneidergewerbe hatte. Mit 14 Jahren ging Tyl nach Prag, wo er am Gymnasium studierte. Er lebte überwiegend selbst von Privatstunden. Fleißig besuchte er deutsche und auch tschechische Theatervorstellungen, machte sich mit der damaligen vaterländischen Gesellschaft bekannt und begann Gedichte zu schreiben.
Im Jahre 1827 ging er nach Königgraz, um das Studium am Gymnasium zu beenden. Er wurde von dem damaligen Idol V. K. Klicpera gelehrt. Klicpera gewann den begabten Studenten bald lieb. Tyl lebte in seinem Haushalt, schrieb Werke von Klicpera ab und Klicpera korrigierte erste literarische Versuche seines Studenten.
Nach der Abitur kam Josef Kajetán nach Prag zurück, um sich an der Philosophie weiterzubilden. Er wurde aber bald durch das Theater verlockt. Er war mit dem Niveau der böhmischen Vorstellungen im Ständetheater unzufrieden, und deshalb dachte er über die Errichtung seiner eigenen Gesellschaft nach. Leider hatte er nicht genug Mittel dafür. Schließlich im Jahre 1829 schloss er sich mit seinen Freunden (zu den auch Magdalena Forchheim, seine zukünftige Ehefrau, gehörte) einer deutschen Wandergesellschaft an, mit der er durch das Österreichische Kaisertum wanderte und für die er auch Theaterspiele bearbeitete. Nach ihrem Zerfall ging er im Jahre 1830 zu einer anderen Wandergesellschaft über, aber nach einem Jahr kam er abgemagert und ernüchtert nach Prag zurück. Ihm drohte der Militärdienst (damals noch 14 Jahre!), aber mit Hilfe der Freunde bekam er die Stelle des Schreibers in der Militärkanzlei. Damit wurde zugleich seine finanzielle Situation gelöst. Alle Freizeit widmete Tyl dann der Literatur und dem Theater. Er trat als Liebhaber im Ständetheater auf und gleichzeitig übersetzte und bearbeitete Theaterspiele für regelmäßige böhmische Sonntagsvorstellungen. Im Jahre 1833 wurde er Redaktor der Zeitschrift "Andermal und jetzt", dessen Name er nach einem Jahr in "Blumen böhmische" änderte. Später wurde diese Zeitschrift "Blumen" genannt und mit diesem Namen erscheint sie bis heute. Er leitete sie bis 1836 und dann wieder 1840-45. Tyl selbst füllte alle regelmäßigen Rubriken auf, druckte hier seine Erzählungen, Gedichte, Übersetzungen und auch Werke der damaligen Autoritäten ab. Wie die meisten Zeitgenossen konnte er die Modernität und Genialität des Gedichts "Mai" von K. H. Mácha leider nicht begreifen und verurteilte ihn als schädlich für das Volk.
Obwohl wir seine Werke zum Zeitdurchschnitt zählen können, wurde Tyl früh einer der meistgelesenen böhmischen Prosaiker. Insbesondere der Roman "Der letzte Tscheche" wurde von K. Havlíèek mit Recht stark kritisiert. Als Journalist verlegte Tyl in den Jahren 1840-42 noch die Zeitschrift "Wlastimil" und in den Jahren 1846-49 "Prager Eilbote", die in den revolutionären Jahren ein politisches Volksblatt wurde. Im Jahre 1849 versuchte Tyl ein anderes politisches Blatt zu verlegen, aber wegen Mangel an Finanzen und Änderung der politischen Situation ging diese Zeitschrift früh ein. Die rechte Domäne für Tyl blieb aber Theater. Er liebte es und war mit vollem Recht von seinem Einfluss auf Nationalbewusstheit, Kultur und Bildung in allen Schichten des Volks überzeugt. Im Jahre 1834 gründete er mit einigen von seinen Freunden ein Theater. Unter Mitgliedern dieses Theaters gehörten auch K. H. Mácha, J. J. Kolár, K. Sabina und andere. Tyl bewährte sich als Schauspieler und Organisator - er war Regisseur, Dramaturg, besorgte Requisiten, malte Kulissen und bearbeitete Theaterspiele. Als im Jahre 1837 die Tätigkeit des Theaters eingestellt wurde, ging er wieder als Liebhaber ins Ständetheater über. Damals gehörte er schon zu den bekanntesten und beliebtesten Patrioten. Im Jahre 1842 wurde er Leitpersönlichkeit des neuen Versuchs, ein selbstständiges böhmisches Theater in Rosenstrasse einzurichten. Aber schon im Jahre 1844 mussten böhmische Vorstellungen zurück ins Ständetheater zurückgeschickt werden. Hier wurde Tyl im Jahre 1846 zum Dramaturg der tschechischen Theaterspiele ernannt und sollte nicht nur Fremdtheaterspiele auswählen und beurteilen, sondern auch sechs übersetzte und zwei eigene Spiele jährlich liefern. Die dominierte Prosa trat so in den Hintergrund und der beliebte Schriftsteller wurde vom Volk geliebter Dramatiker. Seine Theaterspiele wandten sich wie zuvor seine Erzählungen an aktuelle Erscheinungen der damaligen Zeit und haben auch ein Erziehungsziel. Eigentlich nur das Frühwerk, die Posse "Fidlovaèka" (1834), in der zum ersten Mal das Lied "Kde domov mùj" ("Wo ist mein Heim" - seit dem Jahre 1918 Staatshymne von der Tschechoslowakischen Republik, seit 1993 auch von der Tschechischen Republik) ertönte, beachtet ausschließlich den Nationalkampf. Aber auch zeitgenössische Lebensdramen, dramatische Märchen und historische Theaterspiele wurden mit zeitgenössischen Social- und Politiksproblemen inspiriert.
Tyl beteiligte sich auch aktiv an dem öffentlichen Leben. Im Jahre 1848 wurde er zum Hauptmann von "Eintracht" (Bestandteil der bewaffneten Nationalgarde) gewählt, arbeitete in "Slawische Linde", nahm an der Vorbereitung des Slawischkongresses teil und er wurde auch Abgeordnete des Reichstags. Tragischen Umbruch in seinem Leben stellten die Jahren des Bachabsolutismus. Im Jahre 1851 wurde das böhmische Ensemble des Ständetheaters aufgelöst und Tyl verlor die Stelle des Dramaturgen. Deshalb gründete er dann eine Wandertruppe, die die entlassenen Schauspieler bildeten. Darum ihm sein Gesuch um die Theaterkonzession amtlich abgelehnt wurde, mietete er eine Fremdkonzession und bis Ende seines Lebens wanderte er als Wanderschaspieler durch das Böhmen. Die Jahre 1851-56 waren voll von Leiden und materieller Entbehrung. Er hatte keine Zeit für sein eigenes literarisches Schaffen, nur für Bedürfnisse der Wandertruppe bearbeitete er in Eile noch Fremdtheaterspiele.
Tyl war schon sehr krank, als er letzten Halt in Pilsen machte. An seinem Begräbnis nahmen aber doch unübersehbare Mengen der Einwohner von Pilsen und der Umgebung teeil und er wurde unter den Klängen des Lieds "Kde domov mùj" begraben.